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Financial Times Deutschland v. 27.4.2006
Norisbank verkauft ihre Kunden von Rolf Lebert, Frankfurt
Die Norisbank plant den Verkauf ihrer rund 100 Filialen und 350.000 Kunden. Der Verkaufsprozess wird voraussichtlich ab dem 23. Mai eingeleitet, nachdem sich der Aufsichtsrat des Eigentümers DZ Bank damit befasst hat.
Das erfuhr die FTD am Mittwoch aus Finanzkreisen. Als Käufer kämen Banken außerhalb des genossenschaftlichen Finanzverbundes, zu dem die DZ Bank gehört, in Frage. DZ Bank und Norisbank lehnten einen Kommentar ab.
Für im Privatkundengeschäft tätige Institute ergibt sich eine bislang einmalige Möglichkeit in dem hart umkämpften Segment. Ein Käufer könnte auf einen Schlag seine Kundenzahl beträchtlich erhöhen. Außerdem erhält er einen erheblichen Kostenvorteil, da die rund 1160 Mitarbeiter nicht mit übernommen werden müssen.
Sie sollen künftig als Experten für das Kernprodukt, den standardisierten Privatkundenkredit Easy Credit, eng in das Vertriebsnetz der Volks- und Raiffeisenbanken eingebunden werden. Dadurch entfallen die nach einem Zukauf meist üblichen Entlassungen und die damit verbundenen Kosten.
DZ Bank winkt im Gegenzug gutes Geschäft "Wer die Norisbankfilialen übernimmt, hat sofort Ertrag, ohne dass Restrukturierungskosten anfallen. Dieses Beispiel wird Schule machen", sagte ein Branchenkenner. Der DZ Bank winkt im Gegenzug ein gutes Geschäft. Sie hatte die Norisbank 2003 von der HypoVereinsbank für 447 Mio. Euro übernommen und sie seitdem erfolgreich als Ratenkreditspezialist im genossenschaftlichen Finanzverbund positioniert. Von rund 1300 Volks- und Raiffeisenbanken sind mittlerweile fast 900 Vertriebspartner für Easy Credit. Die Norisbank erzielte 2005 einen Nachsteuergewinn von rund 60 Mio. Euro. Da für Privatkundenbanken derzeit das 10- bis 15fache des Nettoertrags bezahlt wird, wäre ein Preis von bis zu 900 Mio. Euro zu erzielen.
Davon sollen an die Volks- und Raiffeisenbanken 15 Prozent, mindestens aber 50 Mio. Euro ausgeschüttet werden. Geplant sind entweder eine Sonderdividende oder eine zweckgebundene Ausschüttung "für die Marktbearbeitung", erfuhr die FTD aus mit den Plänen vertrauten Kreisen. Ein hoher Verkaufserlös hätte außerdem positive Auswirkungen auf den mittelfristig ins Auge gefassten Börsengang der DZ Bank.
Transaktion auch verbundpolitisch bedeutsam Für das Volksbankenlager wäre die Transaktion auch verbundpolitisch bedeutsam. Zwar wurde die Norisbank nach anfänglichen Hakeleien im genossenschaftlichen Verbund gut akzeptiert. Den örtlichen Volks- und Raiffeisenbanken blieben ihre Filialen jedoch bis heute ein Dorn im Auge, da sie als Wettbewerber angesehen werden.
Unter diesen Umständen kam ein Ausbau des Filialnetzes für die DZ Bank nicht in Frage. Gleichzeitig entwickelte sich jedoch der Vertrieb von Easy Credit über die Volksbankfilialen binnen kurzer Zeit zum dominierenden Wachstumstreiber. Deshalb blieben für die Norisbank nur zwei Möglichkeiten: Schließung oder Verkauf der eigenen Filialen und Kunden.
Eine Schließung hätte Vermögenswerte vernichtet und schied daher aus. Der Plan, die Norisbank-Filialen an örtliche Volksbanken zu verkaufen, wurde wegen erheblicher rechtlicher und administrativer Hürden ebenfalls als wirtschaftlich nicht vertretbar verworfen. Ähnliche Gründe hätten gegen die treuhänderische Übertragung an regionale Genossenschaftsverbände oder den Bundesverband BVR gesprochen, denen zudem die Banklizenz fehlt.
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